
Publikation
Drugs in Dentistry
Ökotoxikologie zahnmedizinischer Medikamente, Mundpflegeprodukte und Pharmakotrophie
Zusammenfassung
Zahnärzte verschreiben 7–12 % aller ambulanten Antibiotika (USA: ~25 Mio. Verordnungen/Jahr; davon 72–73 % Penicilline). Rechnerisch gelangen allein aus zahnmedizinischen Amoxicillin-Prophylaxen jährlich 8–22 Tonnen aktives Amoxicillin in das US-amerikanische Abwasser. Hinzu kommen täglich Millionen Mundspülungen, deren Inhaltsstoffe – Chlorhexidin (20–30 mg/Spülung), Zinnfluorid (Sn2+), Aminfluorid (Olaflur), Ethanol (21,6 %), Methylsalicylat, Thymol, Natriumlaurylsulfat, Parabene, PFAS und Aluminiumverbindungen – direkt und unmetabolisiert in die Kanalisation gelangen.
Die vorliegende Arbeit führt erstmals die ökotoxikologischen Daten zahnmedizinischer Medikamente und Mundpflegeprodukte über alle Umweltkompartimente (Wasser, Boden, Luft) bis zur Bioakkumulation in Trinkwasser und Nahrungskette zusammen – eingebettet in die Rahmenkonzepte Planetary Health, Sustainable Dentistry und Salutogenese. Erstmals wird auch die reale tägliche Exposition des Menschen durch pharmazeutische Rückstände in Nahrung und Trinkwasser quantifiziert und deren Rückkopplung auf die zahnmedizinische Therapie analysiert. Für die relevanten Wirkstoffgruppen – Antibiotika, NSAIDs, Acetylsalicylsäure, Paracetamol, Metamizol, Kortikosteroide, Tetracycline, Antiseptika, Lokalästhetika, Fluoride, Mundpflegeprodukt-Inhaltsstoffe – werden Exkretionsraten, Kläranlagen-Eliminationsraten, Transformationsprodukte und Toxizitätsdaten zusammengetragen.
Der globale Antibiotikaverbrauch stieg von 2016–2023 um 16,3 % auf 34,3 Milliarden definierte Tagesdosen (DDDs – die von der WHO festgelegte durchschnittliche Erhaltungsdosis pro Tag für die Hauptindikation bei Erwachsenen) und könnte ohne Gegenmaßnahmen bis 2030 um über 50 % auf 75,1 Mrd. DDDs steigen [5]. Antimikrobielle Resistenz (AMR) verursachte 2019 weltweit 4,95 Mio. Todesfälle (Projektion 2050: 10 Mio./Jahr) [7].
Die unfreiwillige Aufnahme pharmazeutischer Wirkstoffe über die Nahrung – hier erstmals als Pharmakotrophie (φάρμακον + τροφή) bezeichnet – rückkoppelt auf die zahnmedizinische Therapie und macht eine Erweiterung der konventionellen Dosimetrie notwendig. Konkrete Maßnahmen werden vorgeschlagen: Dexibuprofen statt Racemat-Ibuprofen (halbe Dosis, 40–50 % weniger Ökobelastung), körpergewichts-adäquate Dosierung, aPDT statt Antibiotika, Probiotika statt CHX-Langzeittherapie, achtsame Mundspülungswahl und eine medikamentenreduzierte Ernährung zur Senkung der Pharmakotrophie.
Zitationsvorschlag
Fritsch T. Drugs in Dentistry: Ökotoxikologie zahnmedizinischer Medikamente, Mundpflegeprodukte und Pharmakotrophie. NAM-Journal 2026. DOI: 10.64447/2026nam0014