
Publikation
Funktionelle Gilden statt Leitkeim
Warum das Cariom bisher nicht beschrieben wurde und was aus ihm folgt
Zusammenfassung
Die Kariesmikrobiologie führt Streptococcus mutans seit Jahrzehnten als Leitkeim, obwohl der Marker Kranke und Gesunde kaum trennt und bei einem Teil der Erkrankten fehlt. Die vorliegende Arbeit begründet die im Definitionspapier eingeführte Gilden-Systematik des Carioms und beantwortet die Frage, warum eine solche Ordnung bis heute fehlt. Zwei Randbedingungen tragen den Befund. Erstens verlangt jede Domäne ein eigenes Nachweisverfahren, und diese Verfahren werden nicht gemeinsam an derselben Probe eingesetzt; was zwischen zwei Domänen geschieht, erfasst deshalb keines von ihnen. Zweitens löscht die funktionelle Redundanz das Assoziationssignal: erbringen mehrere Arten dieselbe Leistung, fällt keine von ihnen statistisch auf, obwohl die Leistung vorhanden ist. Die Arbeit führt die Belege der einzelnen Gilden, legt eine Kariogenitätsrangfolge des oralen Mykobioms mit S. mutans als Bezugsgröße vor und zeigt an drei Streitfällen, dass die Gildenebene Widersprüche auflöst, die auf Artebene unauflösbar sind: die gegenläufigen Befunde zur Demineralisierungsleistung von C. albicans, die umgekehrte Beziehung zwischen Zahnstein und Karies und den schwachen klinischen Ertrag zugeführten Xylitols. Aus der Redundanzregel folgt, dass speziesgerichtete Verfahren einschließlich der Phagentherapie kariologisch wenig erwarten lassen; als aussichtsreichster Engpass wird die Glucosyltransferase-Funktion der Matrix-Architekten benannt. Dreizehn falsifizierbare Vorhersagen, nach Prüfaufwand gestaffelt, schließen die Arbeit.
Zitationsvorschlag
Fritsch T. Funktionelle Gilden statt Leitkeim: Warum das Cariom bisher nicht beschrieben wurde und was aus ihm folgt. NAM-Journal. 2026. doi:10.64447/2026nam0049